Fotografie im Zeitalter der elektronischen Reproduktion von Pedro Meyer, Mexiko/Los Angeles (Vortrag anläßlich der Photokina 1996)
Wir möchten mit Ihnen einige persönliche Beobachtungen in bezug auf Fotografie im Zeitalter der erlektronischen Reproduktion diskutieren. Dr. Knapp hat schon in früheren Vorträgen überzeugend dargelegt, daß viele Menschen in der Vergangenheit vergeblich versucht haben, zu sehen, was die Zukunft uns bringen wird. Ja, es ist schwer, die Zukunft vorauszusagen. Trotzdem müssen wir als Fotografen es versuchen, um zu erfahren, welchen Weg die Fotografie einschlagen wird. Hier sind meine Gedanken zum Thema: DIE UNTERSCHIEDE
Den Fotojournalismus würde ich auf einem zweiten Level ansiedeln. Weltweit arbeiten die meisten Magazine wenigstens zum Teil digital. So sind Produktion und Layout der Publikationen sowie die Übertragung von Bildern von den Schauplätzen der Welt digital. Außerdem sind die meisten Fotolaboren in den Verlagshäusern durch elektronische Verarbeitungsstätten ersetzt worden. Das alles steht im krassen Gegensatz zu der Paranoia der Redakteure in bezug auf Computer, die von den Fotografen benutzt werden könnten. Sie fürchten zwei Dinge: Zum einen, daß die Fotografen Nachrichten-Bilder manipulieren könnten, zum anderen, daß die Öffentlichkeit Bildern nicht mehr glaubt. Das sind erstaunliche Bedenken einer Industrie, die immer davon gelebt hat, Bilder und Nachrichten zu manipulieren. Den letzten Rang nimmt die Kunstwelt ein. Ohne institutionelle Unterstützung, müssen die Künstler selbst einen Weg finden, sich der Technik zu bedienen. Wahrscheinlich wird die digitale Technologie auf dem Weg über Bildungseinrichtungen wie Colleges und Universitäten Einzug halten. Man erkennt an diesen drei Bereichen der Fotografie wie die Geschwindigkeit der Investition in digitale Technik und deren Exploration davon abhängt, in welchem der Bereiche man als Fotograf tätig ist. Ein Werbefotograf wird die Lage der Dinge anders beurteilen, als ein Fotografie-Lehrer an einem örtlichen College. Man muß diese Unterschiede begreifen, um die digitale Zukunft in den verschiedenen Gruppen angehen zu können. Natürlich gibt es auch Überschneidungen zwischen den Gruppen: Werbefotografen, die Kunst produzieren, Lehrer die fotojournalistisch arbeiten etc. Ich sehe sie als Ausnahmen, die die Regel bestätigen. DIE GEMEINSAMKEITEN Neben den gerade erwähnten Differenzen, gibt es eine Reihe an Elementen, die in allen drei Bereichen gleich sind. Die Wertigkeit und die Konnotationen die eine Fotografie umgeben, stehen im Mittelpunkt der neuen Herausforderung. Dabei war die Tatsache, daß Fotografien heute mit Leichtigkeit nach Belieben verändert werden können, der Auslöser für das Nachdenken über die originären Grundsätze der Fotografie. Digitale Fotografie ist jedoch nicht der Grund für diese Neubeschäftigung mit der Fotografie. Da gibt es mehr Leichen im Keller, als wir denken. Niemand würde der Tatsache widersprechen, daß die Welt nicht schwarzweiß wahrgenommen wird und daß eine schwarzweiße Wiedergabe immer als Abstraktion, ja Konvention betrachtet werden muß. Aber auch die Farbfotografie zeigt nicht Realität. Kein Farbabzug hat viel mit dem zu tun, was wir als Realität bezeichnen. Das sind alles Interpretationen und Variationen - wie jeder Finisher bestätigen wird. Einige sind sicher näher an der Realität als andere, aber absolute Gleichheit gibt es nicht. Wenn Fotografien also keine Surrogate der Wahrheit sind, wie man uns in den vergangenen 150 Jahren glauben machen wollte, was sind sie dann? Mein 18 Monate alter Sohn hat vor kurzem etwas sehr überraschendes getan: Er hat mich gebeten, ihm ein Bild vom Tisch zu reichen, an das er nicht dran kam. Auf dem Farbbild war er mit seiner Mutter zu sehen. Zuvor hatte er sich darüber aufgeregt, daß seine Mutter nicht zuhause war und hatte vor der Haustür ein bischen geweint. Als er das Bild nahm, bedeckte er seine Mutter mit Küssen. Was sagt uns das in bezug auf Wahrnehmungen? Über Surrogate der Realität? Was schließen wir daraus, wenn ein 18 Monate altes Baby ohne all die intellektuellen Maschinerien, die uns im Zusammenhang mit Abbildung beschäftigen, auf ein Bild seiner Mutter reagiert? Die Antworten sind sicherlich nicht einfach. Ein weiteres wichtiges Thema, das mit den drei verschiedenen Bereichen der Fotografie verknüpft ist, ist die Rolle der Fotografen. Was ist die Funktion des Fotografen im digitalen Zeitalter? Zunächst ist die Kamera-Technologie einer permantenten Entwicklung unterworfen und der Werbefotograf ist so weit in Design-Bereiche vorgestoßen, wie es vor kurzem noch undenkbar gewesen wäre. Deshalb gibt es inzwischen auch fotografierende Designer, die vorher keine Kamera in die Hand genommen haben. Dieses Problem existiert in Filmstudios schon länger. Auf dem Spiel stehen dabei die traditionellen Berufsbilder und die damit korrespondierenden Honorare. Der Computer-Operator verrichtet die Arbeit mehrer traditioneller Techniker wie die des Lichtspezialisten, des Setbauers, des Kostümbildners, des Modellbauers usw. Man muß nicht mehr in allen Fällen on-location arbeiten. Es reicht oftmals, einen Fotografen zu schicken, das Bild zu scannen und den Rest mit dem Computer zu machen. Ähnliche Erfahrungen haben auch Fotomodelle, deren Auslandsreisen zu exotischen Orten praktisch eliminiert worden sind. Ein weiterer gemeinsamer Aspekt, der alle drei Bereiche betrifft, sind die großen Veränderungen bezüglich des Equipments. Veränderungen gab es schon immer, aber nie waren sie so dramatisch wie im Moment. Die Bedeutung dieser Veränderungen werden uns vielleicht klar, wenn wir bedenken, was die Erfindung der 35mm-Kamera z.B. für den Fotojournalismus bedeutete. Erich Salomon, der bekannte deutsche Fotograf, hat mit der neuen Kamera seine wundervollen Dokumentarbilder in einer Weise fotografiert wie es die bis dato gängigen Kamera-Formate nicht erlaubt hätten. Außerdem sollte man bedenken, daß es Zeiten gab, in denen nicht Fotografen sondern Graveure Nachrichtenbilder in die Zeitungen brachten. Lassen Sie uns für einen Moment zum Thema der Glaubwürdigkeit zurückkommen. Ich frage mich, wie die Öffentlichkeit den Informationen, die mittels Stichen vermittelt wurden, glauben konnte. Sie waren schließlich in vollem Umfang per Hand hergestellt. Das Wall Street Journal benutzt noch heute lieber Stiche und Zeichnungen als Fotos und niemand stößt sich an möglichen Interpretationen. Warum trauen wir also nicht auch digitalen Bildern, die vielleicht manipuliert sind, um eine Geschichte zu erzählen? DAS STILLE UND DAS BEWEGTE BILD IM ELEKTRONISCHEN ZEITALTER Die Ironie, die in all den Debatten um die Glaubwürdigkeit des fotografischen Bildes steckt ist, daß Fotografie schon lange kein Werkzeug mehr ist, mit dem sich irgendein Bewußtsein schaffen läßt. Diese Stellung hat die Fotografie längst an das Video verloren. Der stärkste Aufschrei der öffentlichen Meinung in bezug auf soziale Ungerechtigkeiten kommt heute durch Video und nicht durch Fotografie. Sie kennen vielleicht das Video des Los Angeles Police Department von der Rodney-King-Schlägerei. Ein Ereignis, auf Video gebannt, das zu Aufständen geführt hat, in deren Verlauf tausende von Gebäuden niedergebrannt wurden und Billionen Dollar an Schäden entstanden sind. Eine weitere Ironie steckt in der Tatsache, daß die Polizei-Verteidiger im Rodney-King-Prozeß das Video in Still-Fotos zerlegt haben, um die Aktionen der Polizei zu verteidigen. Was der Jury gezeigt wurde, war eine Sequenz von Fotos, in der ein Polizist in drohender Haltung einen Knüppel schwingt. Also gab es eine Diskrepanz zwischen dem, was die Öffentlichkeit sah und dem, was die Jury beurteiltet und auf dessen Basis sie die Polizisten freisprach. Der Unterschied lag in Informationen, die auf der einen Seite als fotografische Momentaufnahmen und auf der anderen Seite als bewegte Bilder vermittelt wurden. Durch das Einfrieren der Bewegung zu stehenden Bildern, haben sich die brutalen Angriffen in nur drohende Gesten verwandelt. Weitere wichtige Videos, die vor kurzen eine Rolle gespielt haben: Das Video, das in Mexiko gezeigt wurde, in dem brutale Morde der Guerrero Staatspolizei in Aguas Blancas zu sehen waren. Dieses Video hat zum Sturz des Governeurs geführt, nachdem es im nationalen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Es hat ernsthafte politische Unstimmigkeiten in der Regierung ausgelöst, die ihn bis dahin unterstützte. Ein weiteres Video hat in Californien für einen Riesenskandal gesorgt, nämlich das, in dem Mitglieder der California Highway Patrol illegale Arbeiter aus Mexiko verprügeln. Es hat zu großen Veränderungen im Umgang mit diesen Fällen geführt. Ich könnte noch dutzende anderer Fälle anführen und kann mich an kein Ereignis erinnern, das vor kurzem innerhalb der Fotografie für solches Aufsehen gesorgt hätte. Genau in diesem Moment gibt es wahrscheinlich weitaus mehr Videokameras in Banken, Geschäften und sonstwo, die dokumentieren, was in Köln passiert, als Fotografen, die die gleiche Arbeit verrichten. Die Raubüberfälle, Morde, Diebstähle, Kidnappings etc. die heute auf Video aufgezeichnet werden, würden jeden Fotografen, der sie für die örtliche Zeitung abdeckt, zu einem berühmten Mann machen. So ist sieht die veränderte Lage der Dinge aus, was aber noch nicht so sehr ins Bewußtsein gedrungen ist. Video ist schon lange kein Werkzeug in den Händen einer Elite mehr. Video-Kameras sind so verbreitet wie Foto-Kameras. Interessanter Weise wird Video gerade in den ärmsten Vierteln regelmäßig eingesetzt, um die Entwicklung des eigenen Lebens zu dokumentieren. Dahinter steht ein Bedürfnis derer, die offtmals keine andere Stimme haben, Dokumente ihres Mißbrauchs und ihrer Ausbeutung zu schaffen. Es sind die Leute selbst, die die Videos drehen, nicht so sehr Außenstehende. Wir kennen Beispiele aus den Barrios im Osten von LA, den Dschungeln Mexikos, den Slums Chicagos, den Teenagern, die den Krieg in Sarajevo durchlebt haben oder den Palästinensischen Flüchtlingscamps. Video-Kameras sind noch nicht digital, zumindest nicht die einfach zugänglichen Camcorder, die man in der Hand hält. Sie werden es jedoch in naher Zukunft sein. Und wenn das passiert, bekommen wir aus derselben Quellen sowohl gute stehende als auch gute bewegte Bilder. Wenn man dann noch den Ton dazu nimmt, gibt es eine Reihe komplett neuer Werkzeuge, um Geschichten zu erzählen. GIBT ES EIN ORIGINAL? Viele Fotografen wehren sich intensiv gegen alle dititalen Technologien und wollen auf keinen Fall damit arbeiten. Denen sage ich: Ich wünsche Ihnen alles Gute. Ich glaube zwar nicht, das es zu Ihrem Vorteil sein wird, so zu denken, aber es ist auf jeden Fall zu meinem Vorteil. Ich persönlich bevorzuge Vielfältigkeit. Ich finde es besser, eine große Auswahl zu haben, als eine kleine mit der wir alle schließlich das gleiche machen. Am Ende wird derjenige überbleiben, der das beste Argument hat. Ich kann schon einige dieser Argumente sehen. Z.B. wurde ein Foto, das auf Silberemulsion geprintet ist, als Kunstwerk immer diskutiert. In Kürze wird es, weil es so selten geworden ist, ganz selbstverständlich als Kunst anerkannt werden. Wohingegen das digitale Bild seinen Weg erst durch die rutschigen Pfade, die seine Verleumder für es bereithalten und auf denen es wieder und wieder diskutiert werden wird - ganz so wie es der traditionellen Fotografie in der Vergangenheit erging - machen muß. Ich spekuliere nicht. Ich spreche aus Erfahrung. Tintenstrahl-Drucke gelten noch als nicht koscher genug, um in der Kunstwelt anerkannt zu werden. Aber bitte, wir müssen noch einmal geduldig sein. Müssen wir? Diesmal passiert etwas recht einzigartiges. Diese Tintenstrahl-Drucke - noch nicht als Kunst anerkannt, weil sie elektronisch reproduziert werden - müssen sich mit einem Widerspruch in diesem Bereich auseinandersetzen: Der Widerspruch liegt darin, daß das gleiche Medium sowohl von berühmten und hochgeschätzten Künstlern wie David Hockney und Francisco Clemente als auch von normalen Fotografen benutzt wird. Das führt zu einem Dilemma: Wenn die einen anerkannt werden, müssen die anderen auch anerkannt werden. Vielleicht ist der Punkt, das Sammler es schwierig finden, das Original zu lokalisieren - wo keins existiert. Denn in der digitalen Welt gibt es keine Originalnegative oder -dateien. Sie sind alle identisch. Jede digitale Kopie sieht wie die andere aus. Tintenstrahl-Ausdrucke sind eine Ausnahme - auch wenn Sammler das noch nicht gemerkt haben: Jede Kopie - zwar von einer Maschine produziert - sieht ein wenig anders aus. Ähnlich wie Abzüge, die in der Dunkelkammer gemacht werden. Oftmals sind die Unterschiede noch nicht einmal fein. Wenn man die gleichen elektronischen Daten zu verschiedenen Ausbelichtern gibt, bekommt man eine sehr erstaunliche Vielfalt an Ergebnissen. Lösungen zu diesem Problem liegen noch im Bereich des Wunschdenkens. Am Ende steht das alterwürdige Trial-and-Error-Verfahren, gesteuert nur von Wahrnehmungen. Mit anderen Worten, eine sehr fehlbare und menschliche Methode, die genauso viel ³Handwerk² ist wie alle vorhergehenden Formen der Reproduktion. Leider sind noch nicht einmal die elektronischen Bilder auf dem Monitor an den verschiedenen Orten auf der Welt gleich. Alles hängt vom Monitor, seinem Alter, seiner Einstellung von Helligkeit und Kontrast sowie vom Raum, in dem er steht, ab. Nur ein Beispiel: Vor ein paar Tagen haben wir die Bilder eines Fotografen bei ZONEZERO, einer Web-Seite, die ich für Fotografie kreiert habe, ins Internet eingespeist. Ich fragte meine Assistentin, warum sie den Hintergrund, den wir für diese Bilder gemacht haben, verändert hätte. Sie hatte ihn nicht verändert. Auf ihrem Monitor sah es einfach ganz anders aus, als auf meinem. Unsere beiden Monitore hatten unterschiedliche Helligkeiten, trotzdem sie so kallibriert waren, daß sie gleich sein sollten. Der Unterschied war, daß sie am Fenster saß und die Läden geöffnet hatte, so daß mehr Licht als gewöhnlich hereinkam. Das hatte die Veränderungen bewirkt. THE INTERNET Ja, es gibt so viel über das Internet zu sagen. Themen wie Übertragungsgeschwindigkeit, Verbindungen und Kosten stehen im Raum. Wir müssen uns daran erinnern, daß wir mit einem Medium arbeiten, das gerade mal fünf Jahre alt und unglaublich komplex ist. Ich finde z.B., daß es immer noch ein geniales Werkzeug wäre, auch wenn sich an ihm nichts mehr ändern würde. Lassen Sie mich das ausführen. Es gibt viele Gründe, warum ich angefangen habe, das Internet mit großer Hingabe zu erforschen. Angefangen hat es mit der allerersten CD ROM, die damals von mir produziert wurde (³I Photograph to Remember²), in der ich Ton und Bilder ineinanderfließen ließ wie in einer Audiovision. Das Thema waren die letzten Jahre meiner Eltern. Das war für die meisten Menschen ein schwieriges Thema. Eins, das nicht einfach von einem Buch-Verleger aufgegriffen wurde, der viel Geld in die Produktion investieren mußte. Bob Stein, der Verleger der CD ROM war sehr enthusiastisch. Zum einen, weil er an das Werk glaubte, zum anderen, weil die Investition eher bescheiden war. Das hat meine Augen für die Vorzüge der digitalen Welt geöffnet, als einen neuen Weg, Bilder zu präsentieren. Ich schätze beide Vorzüge. Den, daß die Anfangskosten gering waren und den, daß ich Ton in Verbindung mit Bildern bringen konnte. Zu der Zeit war das Internet noch indiskutabel. Trotzdem war ich am Ende der Überzeugung, daß die Zukunft der fotografischen Publikation in der elektronischen Welt liegt. Etwas später kam das Internet und ich habe sofort gespürt, daß wir jetzt die benötigte Plattform zur Verfügung haben. Das einzige Problem der CD ROM-Welt, die Distribution, war jetzt gelöst. Was wollte man mehr? Ich bin intensiv durch das Internet navigiert und habe gesehen, welches Material den Benutzern angeboten wurde. Das fand ich ziemlich enttäuschend. Zwei Dinge berührten mich: Zum einen, wie wenige Plätze es gab, an denen Fotografien mit wirklichen Inhalten angeboten wurden. Zum anderen wie viele Orte nur zeigten, wie große Egos Fotografen haben. Web Sites, die riesige Monologe darüber enthielten, was für ein Riesentalent der Autor der Seite war. Solcher Unfug wurde dadurch unterstützt, daß viele Besucher sich die Seite anschauten. Was natürlich noch mehr Seiten dieser Art nach sich zog. Meiner Meinung nach haben sich die Autoren wenig Gedanken darüber gemacht, warum so viele Besucher die Seiten angeschaut haben. Keiner ist auf den Gedanken gekommen, daß viele einfach nur sehen wollten, was so im Web passiert. Es war also kein echtes Interesse für eine spezielle Seite, sondern eher ein Schaufensterbummel. Die Idee einfach eigene Seiten anzulegen, auf denen sich die Massen die eigene Kunst ansehen würden, war fehlerhaft. Wie oft würde das jemand machen? Keiner bedachte, daß das Internet reifer werden würde und daß es dort bald spannendere Dinge als einen Schaufensterbummel zu tun gab. Der Wettbewerb existiert nicht nur innerhalb der Fotoseiten des Internet, sondern auch mit allen anderen Dingen der Lebenswelt des Menschen. Wenn Sie verliebt sind oder Kinder haben, wissen Sie wovon ich spreche. Die guten Neuigkeiten gehen aber noch weiter. Das Medium Internet vergibt vieles. Man kann Fehler machen und sie am nächsten Tag reparieren, wenn man darauf hingewiesen wurde. Die Flut an Kommentaren über E-Mail in bezug auf fehlende Kommas und alle sonstigen Fehler, reißt nicht ab. Man kann das Material neu edieren, um interessantere Präsentationen zu bekommen, oder ein interessanteres Bild zu integrieren. Alles lebt in einer komischen Dualität: Jede Datei kann so lange konserviert werden, wie es der einzelne möchte. Zugleich kann alles am nächsten Morgen überarbeitet werden. Das können Sie ja einmal mit einem Katalog, einem Buch oder Magazin probieren, daß sich im Druck befindet. Die Ausstellungen von gestern bekommen eine neue Richtung. Sie können durch zusätzliche digitale Daten zum Leben erweckt werden. Querverweise auf andere Seiten geben Hinweise auf weitere Materialien. Das alles kann die Erfahrung, eine Ausstellung zu besuchen, so sehr bereichern. In naher Zukunft werden unsere Ausstellungen - wo es Sinn macht - mit Ton unterlegt. Die technische Entwicklung läßt den Ton zu dem werden, was er sein sollte, kein Gimmick, sondern Teil des Inhalts. Was ich persönlich sehr aufregend finde, ist die Tatsache, daß der Betrachter einen Dialog mit dem Autor aufnehmen kann. Ich fand immer schon, daß die größte Belohnung für einen Künstler der Dialog mit dem Betrachter ist. Ein Dialog unter Leuten, die sich noch nicht einmal kennen. Für mich ist das eine echte Bereicherung im Vergleich zu dem, was im Kontext einer normalen Ausstellung abläuft. Es gibt auch Kritiker der elektronischen Fotografie im Internet. Sie betrauern den Verlust der haptischen Qualität von geprinteter Fotografie. Das Gegenteil dieser Argumentation hat sich noch nicht eingebürgert. Wie sehr ein Bild davon profitiert, auf einem Monitor mit Hintergrundbeleuchtung gezeigt zu werden. Was ist besser, als ein Bild zu sehen, bei dem richtiges Licht durch jeden Pixel scheint. Ein weiterer handfester Vorteil ist die Tatsache, daß Ton mit den Bildern kombiniert werden kann. Es wird natürlich noch einige Zeit dauern, bis die Fotografen alle diese technischen Möglichkeiten ausgelotet haben. Sie existieren jedoch schon. EINE PICTOGRAPHISCHE GESELLSCHAFT Wir werden - auf der Schwelle zum nächsten Jahrhundert - immer mehr zu einer piktographischen Gesellschaft. Die Benutzung des Bildes wird immer dominierender werden, davon bin ich überzeugt. Die Gründe dafür sind recht einfach: Die Kosten verringern sich immer mehr und die Menschen mögen Bilder, weil sie schneller mit ihnen umgehen können, als mit Text. Diese Entwicklung ist positiv für Fotografen im allgemeinen, oder soll ich sagen Bildermacher, und schlecht für die Gesellschaft (was noch zu diskutieren sein wird). Einige würden argumentieren, daß eine Gesellschaft die eher bild- als sprachorientiert ist, weniger spezifizierte Ideen hervorbringen wird. Bilder sind immer endlos für Interpretationen, wohingegen Sprache - als Text oder gesprochen - nur endlos ist, wenn vom Autor/Sprecher beabsichtigt. Hier finden wir wiederum ein interessantes Thema für Linguisten, Semiotiker und Semantiker. Wir sollten piktographische Gesellschaften auf keinen Fall herablassend beurteilen. Man sollte sich an große Kulturen wie die der Maya in Mexiko und Zentralamerika oder an Chinesische oder Ägyptische Vorläufer der geschriebenen Sprache erinnern. Die Chinesen haben ihre Piktogramme auf Seide gebracht, mit Bürsten aus Tierhaar, lange bevor sie das Papier erfanden. Die Ägypter haben zuerst auf Baumwolle geschrieben und dann im 4. Jahrhundert vor Christus Papyrus entwickelt. Die Mixtec Kodizes aus dem Mexikanischen Oaxaca vor 500 Jahren zeigen uns schon nicht-lineare Repräsentationen, die wir erst vor kurzem entdeckt zu haben scheinen. Wir haben die interaktive CD ROM gefeiert, als ob wir diese Präsentationsform gerade erst erfunden hätten. Im Nuttal Kodex sehen wir Bilder von Regenten, die sterben nur um ein paar Drehungen weiter herauszufinden, daß sie immer noch leben und gerade hart bei der Arbeit sind. Solche Beschreibungen mit nicht-linearen Zeitleisten sind in diesen Kodizes wundervoll erhalten und sollten uns an die Brillianz längst vergangener Generationen erinnern. Sie wurden auf die Vorder- und Rückseite gemalt und auf verschiedene Arten gefaltet, was mit einem Buch nie gemacht werden könnte. Wenn sie den Fuß eines Berges zeigen wollten, haben sie einen Berg gemalt, aus dem ein Fuß hervorschaut. Diese Art der symbolischen Repräsentation kann nun - in viel stärkerem Maß als jemals zuvor - von so vielen Fotografen benutzt werden. Wir erliegen nicht mehr den Beschränkungen der chemischen Prozesse. Wir können mit der Fotografie jetzt neue Ebenen der poetischen Repräsentation erschließen. Daß wir dabei mit fotografischen Bildern arbeiten ist sehr interessant, denn unzweifelhaft handelt es sich dabei um das Vermächtnis des Bildes als Repräsentant der Realität. Die Ambivalenz, in der wir das Bild als fotografische Realität sehen wollen und doch Statements über eine Nicht-Realität abgeben. Das ist es, was die Faszination der digitalen Arbeit dieser neuen Ära ausmacht. Wir sind wie der Zauberer, dessen Arbeit auf der Tatsache beruht, daß die Zuschauer zwar wissen, daß das, was er zaubert, nicht wahr sein kann, ihre Zweifel aber trotzdem wegschieben. Das ist diese permanente Dynamik zwischen den Realitäten. Der eine sagt uns, daß es nicht sein kann, der andere meint, daß wir glauben sollten. Lassen Sie mich zum Schluß noch dies sagen: Je mehr wir uns dem Ende des Jahrtausends nähern, desto mehr bekommt alles, was wir tun, sagen und hören eine besondere Signifikanz, die sich aus diesem wichtigen Punkt in der Geschichte herleitet. Wir, die wir uns hier und heute treffen, gehören zu den privilegiertesten Menschen auf der Welt. Bedenken Sie bitte, daß zwei Drittel der Weltbevölkerung noch nie in ihrem Leben ein Telefongespräch geführt haben. Die Hälfte könnte noch nicht einmal telefonieren, wenn sie es wollte, weil es so wenig Telefoneinrichtungen gibt. Und wir sitzen hier und denken darüber nach, wie das Internet die Entwicklung unserer Kulturen in den nächsten Jahrzehnten verändern wird. Wir denken darüber nach, daß die digitale Revolution das Leben von jedem Menschen verändern wird. Ja, wir sagen diese Dinge, weil wir uns erinnern, wie andere zu anderen Zeiten den Einfluß der industriellen Revolution oder der Dampfmaschine abgetan haben. Es gibt jedoch kaum einen Ort auf diesem Planeten, der nicht von diesen Entwicklungen beeinflußt worden wäre. Fotografie im Zeitalter der elektronischen Reproduktion wird gerade erst geboren und ich bin überzeugt, daß sie eine sehr aufregende und kreative Entwicklung durchleben wird. Vielen Dank. |






Ich möchte zunächst Dr. Martin Knapp und dem adf für die Einladung nach Köln danken. Es ist eine große Freude heute hier zu sein, in einer Stadt mit einem so reichen kulturellen Erbe, inmitten einer Messe, die die neuesten Innovationen im Bereich der Fotografie zeigt. Wir erinnern uns, daß Köln vor 700 Jahren den Grundstein zu seiner Universität legte. Man könnte sagen, daß wir uns auf einer Kreuzung befinden, an der die Technologie die Kultur trifft. Die photokina verfolgt die Tradition, Fotografie als eine Ikone der Kunst zu sehen, seit vielen Jahren. Deshalb empfinde ich es als großes Privileg, hier zu sein.
Die Werbefotografie ist wahrscheinlich, wenn es um die Einbindung digitaler Techniken geht, das fortschrittlichste Gebiet. Es liegt in der Natur der Werbung, die prompte Lieferung, preiswerte Produktionsmethoden und die Flexibilität, in letzter Sekunde schnelle und drastische Änderungen vorzunehmen, verlangt. Diese Bedürfnisse können leicht durch digitale Techniken befriedigt werden. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, daß viele Werbefotografen, sich in diese Richtung entwickeln. Viele, die anfänglich zögerten, haben durch die Marktentwicklung erfahren, daß sie keine andere Chance haben. Ich kenne viele Fotografen, die ihre Kunden verloren haben und sie nur durch den Einsatz digitaler Technik zum Teil wiedergewinnen konnten. Viele Studios arbeiten heute schon zu 100% digital.