One Shot für Alle?

Intro

Die Firmenvertreter mit ihren Schützlingen: Scitex-Leaf, Jenoptik, Megavision S3 (stellvertretend gehalten von Alex Schneider - adf), Phase One und Sinar.

1999 ist zweifellos das Jahr der digitalen One Shot-Kameras. Der Arbeitskreis Digitale Fotografie, adf, präsentiert den weltweit ersten Praxis-Test aller neuen Profi-Rückteile dieser Klasse.

Seit der letzten photokina vor einem Jahr haben sie sich auf wundersame Weise vermehrt: die One Shot-Digitalrückteile, mit denen man - vorzugsweise in Verbindung mit einer Mittelformatkamera - nicht nur Stillife, sondern auch Bewegtes aus Bereichen wie Mode oder Portrait digital bewältigen kann. Zwar gab es auch zuvor bereits One Shot-Backs wie etwa CatchLight vonLeaf oder das Modell S2 von Megavision. Dynamik kam in dieses Segment jedoch erst mit den neuen, modularenCCD-Sensoren von Philips, da diese eine Reihe technischer, qualitativer und wirtschaftlicher Vorteile verfügbar machten.

Vier der fünf Testkandidaten - Jenoptik eyelike MF, Megavision S3, Leaf Cantare und Phase One LightPhase - verwenden denselben Chip: Einen 2048 mal 3048 Pixel-Sensor mit einer Größe von 24 mal 36 mm; der Philips-Sensor imSinarBack Light unterscheidet sich nur in der Auflösung (2048 mal 2048 Pixel) und in den entsprechend kleineren Abmessungen vom Rest des Testfeldes.

Ein wichtiger Unterschied zwischen LightPhase und den Konkurrenten hat nichts mit der Bildqualität zu tun: Phase One konnte bereits wenige Monate nach der Ankündung des Rückteils zur photokina 98 liefern - und war noch bis zum Testzeitpunkt das einzige Unternehmen, das den Markt ohne Lieferschwierigkeiten mit einem 2 mal 3K-Rückteil bedienen konnte.

Dieser Vorsprung - und das mit den nach eigenen Angaben weltweit 500 verkauften Rückteilen verbundene Anwender-Feedback - ließ das Phase One-Rückteil beim Test souverän als einziges wirklich ausgereiftes Produkt erscheinen. “Unser persönlicher Testsieger”, urteilt Michael Bendenens von Maul Belser und gibt damit auch den Tenor der anderen Bewerter wieder. In der Tat konnte das Rückteil bei allen Testkriterien überzeugen und punktete auch bei der Handhabung, besonders bei den durchdachten Software-Funktionen zur schnellen Schärfenüberprüfung. All dies macht LightPhase beim derzeitigen Entwicklungsstand dieser Gerätekategorie zum klaren Testsieger.

Beeindrucken konnte das Phase One-Rückteil außerdem durch die beim Test unter Beweis gestellte Mobilität: Mit einem kleinen Sony Vaio-Palmtop ist das Fotografieren fernab von Steckdose und Rechner möglich.

Eine leichte Schwäche erlaubte sich LightPhase einzig bei der Wiedergabe des Hauttons, dessen Bewertung schlechter ausfällt als die der Jenoptik- und Sinar-Geräte. Er wirkt stellenweise wie zu dick aufgetragene Schminke und verleiht der Haut - bei ansonsten guter Farbwiedergabe - ein “blasses und teigiges Aussehen” (Elfriede Twardy). Auffällig ist die fast extreme Schärfe der Aufnahmen, die ein automatisches (und nicht immer erwünschtes) Scharfzeichnen durch die Kamerasoftware nahelegt.

Megavision S3

Als Nachfolger eines der ersten Oneshot-Rückteile trat das neue Modell S3 von MegaVision als Noch-Prototyp an. Das extrem handliche Back, für das optional auch ein Batterie- und Speichermodul für den mobilen Einsatz erhältlich ist, kommt mit einer durchdachten Software, die den Anforderungen der People- und Modefotografie Rechnung trägt.

Leichte Probleme hatte die beim Test vorliegende Programmversion allerdings noch mit dem Farbabgleich, was zu unnötig niedrigen Bewertungen in dieser Kategorie führt. Durchaus akzeptabel präsentiert sich dagegen der Hautton, was das Megavision-Back primär für die People- beziehungsweise Portraitfotografie empfiehlt. Die Anfälligkeit für Farbrauschen erwies sich bei der Auswertung der Rohdateien zwar als recht hoch; in die Kamerasoftware integrierte Anti-Moirée-Filter ermöglichen jedoch eine (allerdings etwas umständliche) Reduzierung des Farbrauschens. Hier würde man sich eine komfortablere und mit mehr “Eigenintelligenz” ausgestattete Lösung wünschen.

Wie auch die anderen Kandidaten - mit Ausnahme von LightPhase - erwies sich das Scharfstellen mit der S3 als schwierig. Eine Funktion zur schnellen Schärfenbeurteilung war erst in den Ansätzen zu bewundern, soll aber in der nächsten Software-Version implementiert sein.

Ebenfalls aus der Abteilung “Ankündigung” ist die einer Adaptierung des Rückteils auf Contax. Da sich so auch Autofokus-Objektive verwenden ließen, würde sich die Problematik des Scharfstellens schlagartig lösen.

Nur wo Cantare draufsteht, ist auch...?

Die Erwartungen an den Prototypen Cantare des Digitalrückteil-PioniersScitex-Leafwaren relativ hoch. Schließlich hatte Leaf beim letzten großen adf-Test sowohl in der Kategorie One Shot (CatchLight) als auch in der Kategorie Three Shot (DCB II) den Testsieg davongetragen.

Die Resultate des Testgerätes allerdings plazieren Cantare derzeit noch in recht weiter Entfernung vom Siegertreppchen. Beim ersten Bewertungsdurchgang nämlich war zwar das Farbrauschverhalten exzellent, die Farbqualität aber - trotz eingebundenen ICC-Profils - derart schlecht, daß ein Fehler in der Beta-Software der Kamera vermutet und von Scitex dann auch bestätigt wurde. Bei einem erneuten Durchgang auf der Basis derselben Rohdaten und einer aktualisierten (Beta-)Version konnte sich die Farbwiedergabe zwar - wenn auch nur geringfügig - verbessern; stattdessen fielen die Bilder nun aber durch starkes Farbrauschen sowie durch eine generelle Unschärfe auf. Während Farbe und Rauschen vorwiegend Software-Probleme sind, legt die Unschärfe einen nicht exakt in die Filmebene montierten CCD-Sensor nahe. Bereits beim Fotografieren war aufgefallen, daß ein korrektes Fokussieren nahezu unmöglich war.

Fakt ist somit, daß Cantare derzeit den höchsten Preis im Testfeld nicht rechtfertigen kann, da es bis zur Alltagstauglichkeit noch einiges an Entwicklungsarbeit und Feintuning benötigt. Daß es sich beim Test-Rückteil noch eindeutig um einen Prototypen handelt, machte allerdings schon das (von den Testern als zu klobig befundene) Gehäuse klar. Das nämlich war noch mit dem Schriftzug der Three Shot-Schwester “Volare” versehen.

Jenoptik eyelike MF: 0001

Die positive Überraschung des Tests war das erst kürzlich vorgestellte Mittelformatrückteil eyelike MF aus dem HauseJenoptik. Noch auf keiner Messe zu sehen, trat ein “handverleimter” Prototyp mit der Seriennummer 0001 und einem Bündel an Kabelverbindungen mutig zum Test an - und konnte glänzen:

Die Schärfe und die gute Detailwiedergabe verhalfen der eyelike MF zur besten Bewertung des Tests in diesem Kriterium - und zwar nicht etwa bei den nachgeschärften Aufnahmen, sondern bei den Rohdaten. Auch bei der Bloominganfälligkeit erweist sich der MF-Prototyp als Klassenbester, und dank der guten Wiedergabe der Tonwerte über das gesamte Spektrum gab es zweite Plätze bei der Farb- und Hauttonwiedergabe, auch wenn die allgemeine Sättigung als etwas hoch erschien.

Besonders für den Einsatz bei “gelegter Ware” dagegen muß Jenoptik noch am Thema Farbrauschen arbeiten. Hier nämlich fällt das Rückteil auf den vorletzten Platz zurück.

Dennoch verhalfen die Bewerter der eyelike auf den für einen jungen Prototypen beachtlichen zweiten Platz und äußerten durchweg die großen Hoffnungen, die sie auf das fertige Serienprodukt setzten.

SinarBack light: Quadratisch, praktisch...?

DasSinarBack Light hatte beim Test Premiere. Es unterscheidet sich vom SinarBack dadurch, daß es nur im One Shot-Modus arbeitet, im Gegenzug aber deutlich preiswerter ist. Four Shot- und - sobald verfügbar - Makroscan-Funktionen können gegen Aufpreis nachgerüstet werden.

Schade - daß Sinar bei der Planung des SinarBack nicht auf den rechteckigen, sondern auf den quadratischen Philips-Sensor setzte. Dieser nämlich war Anlaß für überdeutliche Kritik aus den Reihen der Bewerter, die sich ansonsten durchaus mit den Qualitäten der SinarBack-Aufnahmen anfreunden konnten. Bei der Hauttonwiedergabe ist das schweizer Rückteil sogar eindeutiger Testsieger. Elfriede Twardy, die Model-Aufnahmen entsprechend der Praxis in ihrem Portraitstudio auf einem Pictrography ausdruckte: “Alle fünf Ausdrucke nebeneinander gelegt, schneidet Sinar beim oberflächlichen Betrachten mit Abstand als Bester ab.”

Ansonsten liegt das SinarBack im guten Mittelfeld - ohne spektakuläre Ausreisser der Bewertungen nach oben oder unten. Die erforderliche Nachbearbeitung der Bilddaten bleibe “im wirtschaftlich vertretbarem Rahmen.”

Trotz allediesem: der quadratische 4 Millionen Pixel-Chip ist nicht nur vom Hauch des Unzeitgemäßen umweht, sondern bietet schlicht auch eine wesentlich geringere Auflösung. Sollte die Meinung der anwesenden Fotografen repräsentativ sein, ist Sinar gut beraten, schleunigst auf den rechteckigen CCD-Sensor umzuschwenken.

Fazit

Den “One Shot” kann man getrost als angestrebtes Wunsch- und Endziel in der Entwicklung digitaler Aufnahmesysteme betrachten. Three- und Multiple Shot, Micro- und Macro-Scanning sind schlichtweg Behelfslösungen, die nur solange ihre Existenzberechtigung besitzen, bis die One Shot-Technik das maximale Qualitätsniveau erreicht hat. Mit anderen Worten: der Wunsch des Fotografen ist es, mit einem (One Shot-) Rückteil alle Aufnahmesituationen ohne Abstriche in Qualität und Handling bewältigen zu können.

Mit der neuen Generation der One Shot-Rückteile ist man diesem Ziel sicher schon ein Schritt näher gekommen, auch wenn noch zahlreiche Kritikpunkte bleiben und, so Peter Heckel vomSchäferShop, “keines der Rückteile in allen Punkten überzeugende Ergebnisse” geliefert hat.
Allgemeine Unschärfen

Als eines der schwerwiegendsten Probleme der One Shot-Rückteile erwies sich dabei das Thema Schärfe: “Das Handling beim Scharfstellen ist bei allen Systemen mit Mangelhaft zu bewerten”, soReinhard Fittkau, der damit entsprechende Aussagen der anderen Bewerter zusammenfaßt. Die Problematik ist hier zweigeteilt: zum einen wird das Scharfstellen allein schon durch das kleine, durch die Abmessungen des CCD-Sensors vorgegebene Sucherbild von 24 mal 36 Millimetern beziehungsweise 30 mal 30 Millimetern beim Sinarback erschwert. Fällt dies bei unbewegten Vorlagen (Testkoffer, Charts usw.) noch weniger ins Gewicht, so verschärft sich das Problem beim Scharfstellen auf bewegliche Motive - und das dürfte bei One Shot-Systemen der Regelfall sein. Beim Test jedenfalls war es fast immer erforderlich, dem Model zum Scharfstellen zunächst eine Auflösungschart in die Hand zu drücken.

Das zweite Schärfeproblem lag darin, daß bei einigen Kameras - besonders bei SinarBack Light und Leaf Cantare - trotz dieses Vorgehens, also trotz korrekten Scharfstellens, die Bilder nicht mit der Maximalschärfe aufgenommen wurden. Gemessen wurden Abweichung der Schärfeebene von bis zu 12 Zentimetern bei den Model-Aufnahmen, was nicht nur bei den Testern für Kopfzerbrechen sorgte, sondern auch bei den Herstellern, die keine plausible Erklärung parat hatten. Möglicherweise sitzt der CCD-Sensor nicht exakt in der Schärfeebene, aber auch der für Digitalkameras obligatorische Infrarot-Sperrfilter könnte verantwortlich sein. Auf letzteres deutet die Tatsache hin, daß dieses Problem beim LigthPhase-Back nicht auftrat Dort nämlich sitzt der Sperrfilter mit deutlicher Grüntönung vor dem Objektiv, was wegen der Verdüsterung des Sucherbildes schon seit langem ein Kritikpunkt ist. Bei den anderen Rückteilen aber liegt er direkt vor dem CCD-Chip und könnte dort durch Brechungseffekte die Schärfe womöglich negativ beeinflussen.

Daher sollte man beim Kauf eines entsprechenden Rückteils einige Punkte beachten. Auf jeden Fall muß der Fotograf vermeiden, sich durch den Erwerb eines nicht ganz fertigentwickelten Systems zum Versuchskaninchen zu machen: “Kein Hersteller sollte dem Anwender ein funktionierendes System vorgaukeln, bei dem sich erst während der Produktion zeigt, daß sich der Käufer zum Betatester gemacht hat.” Ebenso wichtig ist es auch, sich nicht nach dem Motto “Photoshop wird’s schon richten...” von Bildern täuschen zu lassen, die zwar auf dem Monitor oder als schneller Ausdruck passabel aussehen, in der Druckvorbereitung aber so aufwendig korrigiert werden müssen, daß die Wirtschaftlichkeit gegen Null strebt. Soll die Wunschkamera mit einer bestimmten Rechnerkombination zusammenarbeiten, ist es zudem ratsam, auf ein Problem zu achten, das eigentlich als längst gelöst galt: die Kompatibilität. Mit jeder neuen Macintosh-Generation müssen die Kamerahersteller derzeit um die Verträglichkeit mit ihren Produkten bangen - auch im Test erwiesen sich einige Rechner-Kamera-Kombinationen als nicht gangbar.

Akzeptiert und berücksichtigt man jedoch die jeweiligen Besonderheiten, so kann man grundsätzlich mit allen Rückteilen arbeiten, und bei aller Vorsicht - schließlich offenbarte der Test, daß ein Großteil der Kandidaten offensichtlich noch nicht fertigentwickelt war - läßt sich doch festhalten, daß die One Shot-Technik einen großen qualitativen Sprung bei gleichzeitig fallenden Anschaffungspreisen gemacht hat. Bereits heute kann man mit Kameras, die wie LightPhase bereits die meisten Kinderkrankheiten abgelegt haben, einen Großteil der fotografischen Aufgaben - auch aus dem Stillife-Bereich - in absolut ausreichender Qualität bewältigen.

© 1999 Dr. Martin Knapp
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