Professionelle Digitalrückteile

Intro

Bewusst ausgewält: Ein schwieriges Rot und der Moiré-anfällige Jeansstoff

Zehn digitale Profi-Kamerrückteile im Vergleichstest führten vor allem zu einer Erkenntnis: Neben vielen Unterschieden haben alle auch mindestens eine Gemeinsamkeit, nämlich nur mehr oder weniger mangelhaft zu bedienende Systeme für das Colormanagement und die Druckaufbereitung der Bilddaten.

Immer mehr Fotostudios und Vorstufenbetriebe nutzen sie als Standardwerkzeuge: Professionelle Digitalrückteile mit hoher Auflösung, die längst nicht mehr nur in der Katalogfotografie eingesetzt werden, sondern auch Bereiche wie Mode oder Portrait erobern. In einer umfassenden Test-Aktion hat der Arbeitskreis Digitale Fotografie (adf), dessen Gründungsmitglied ProfiFoto ist, zehn Exemplare aus der aktuellen Generation der Studiosysteme mit hochauflösenden Flächensensoren unter die Lupe genommen.

Im Verlauf der letzten Jahre haben sich die Erwartungen an ein digitales Profi-Kamerasystem deutlich geändert: Beim ersten adf Kameratest 1996 war man noch froh, wenn die Systeme überhaupt funktionierten; in späteren Tests galt es bereits als Erfolg, wenn die Testaufnahmen keine gravierenden technischen Mängel aufwiesen. 2001 aber hat sich das Panorama gewandelt: Alle getesteten Systeme arbeiten auf sehr hohem Niveau und mit allen lassen sich Aufnahmen produzieren, die man verkaufen kann. Auf der Liste der zu testenden Systeme standen die kombinierten One- und Multi-Shot-Rückteile Jenoptik Eyelike MF, die hardwareseitig baugleiche Heidelberg Colorcam, LightPhase von Phase One, das SinarBack von Sinar, Cantare von Leaf sowie das Gamma C6 von Rollei, das als Repräsentant für zwei weitere, in Hard- und Software identische Rückteile (Jobo Profile 6000 und Imacon FlexFrame 3020) antrat. Als reine Oneshot-Lösungen präsentierten sich das DCS ProBack von Kodak und das H 20-Rückteil von Phase One, die beide mit demselben 16,8-Millionen-Pixel-Chip ausgestattet sind.

Ebenfalls mit im Test war das Leaf Volare Three-Shot-Rückteil, und auf besonderes Interesse stieß das neue CMOST-Rückteil von Leaf, das jedoch als Vorserienmodell den Testparcours nur außer Konkurrenz absolvierte.

Die Aufgaben

Beim Test ging es weniger darum, unter Laborbedingungen Idealwerte für isolierte Parameter zu ermitteln als vielmehr um praxisnahe „Real Life“-Vorgaben, mit anderen Worten: um genau die Sachlage, mit der sich der Besitzer eines professionellen Digitalkamerasystems im Auftrags-Alltag regelmäßig konfrontiert sieht.

Katalog - Stilllife: CMYK

Die erste Aufgabe bestand im Aufnehmen des mit zahlreichen schwierigen Details bestückten adf Testkoffers. Ziel der Übung war es, die Daten im CMYK-Modus für das Proofen mit dem Postscript-RIP der Firma Best (mit dem aktuellen Profil Bestref5) auf einem Epson Stylus 9000 Großformat-Tintenstrahldrucker in maximal möglicher Qualität auszugeben. Die optimale Separation sowie die Profilierung blieb den jeweiligen Herstellern überlassen. Optimierungsfunktionen in der Kamerasoftware durften uneingeschränkt eingesetzt werden, und auch eine nachgeschaltete Bearbeitung in Photoshop war - in vernünftigem Umfang - gestattet.

People - Mode - Portrait: RGB

Neben dem Stilllife-Aufnahmen mussten sich die Kameras auch beim Einsatz in Bereichen wie Mode- oder Portraitfotografie bewähren. Ein Model wurde von den Testern „eingekleidet“, nämlich mit einem Leinenhemd in dem für Digitalkameras besonders problematischem Rotton sowie mit einem Rock aus Jeans-Stoff, der wegen ungewollt bunter Strukturbildungen (Farbmoiré beziehungsweise Aliasing) gefürchtet ist. Die Aufgabe bestand im Aufnehmen eines „Ganze Figur“-Bildes sowie in der anschließenden Aufbereitung der Daten für eine RGB-Belichtung. Letzteres ist Standard bei der Ausgabe von Bilddaten auf Fotopapier, denn die entsprechenden Laserbelichter arbeiten im RGB-Modus. So auch das Polielettronica Laserlab in der Nürnberger Niederlassung des Großfinishers Cewe, das per Kurier mit den Bilddaten des Tests versorgt wurde. Für die RGB-Ausbelichtung stand - wie im wahren Leben - kein Profil zur Verfügung. Eine der größten Schwierigkeiten bei der Personenfotografie ist der Motivtyp „Ganze Figur“. Im Gegensatz zum Portrait oder zur „halben Figur“ verlieren einige CCD-Chips dabei eklatant an Leistung. Der Grund ist nicht nur, dass wesentlich weniger Auflösung für feine Details zur Verfügung steht, sondern auch die Tatsache, dass auf der kleinen Chipfläche eine Fülle unterschiedlicher Informationen verarbeitet werden müssen. Generell - und da waren sich die Tester einig - muss aber ohnehin jedes Personenfoto nachbearbeitet werden, und dies liegt nicht etwa an Qualitätsproblemen der Digitalrückteile: „Die Hauttöne müssen auch in der Katalogfotografie bei jedem Digitalback korrigiert werden - genau so, wie man dies früher auch mit dem Dia tat“, so Reinhard Fittkau. Jeder Kataloghersteller habe „seinen„ speziellen Hautton, und das Problem der Kameras sei hier ausnahmsweise ihre Fähigkeit, Farben wirklichkeitsgetreu abzubilden. Allerdings ist die Hauttonerfassung beziehungsweise -wiedergabe ohnehin nur ein Kriterium unter vielen, wenn das Einsatzgebiet die Portraitfotografie ist. Hierfür definiert Spezialistin Elfriede Twardy eine Reihe von Punkten, die ein ideales System erfüllen müsste:

  1. Mobilität: Die Kombination aus Kamera und Rückteil muss so mobil wie möglich ausgelegt sein, das heißt kompakt und ohne hemmenden „Kabelsalat“.
  2. CCD-Justierung: Die Justierung des CCD-Sensors in der Filmebene muss optimal sein.
  3. Schärfeprüfung: Die Kamerasoftware sollte bereits im Aufnahmemodus eine sofortige Schärfeprüfung erlauben.
  4. RGB-Kontrolle: Auch die RGB-Werte sollten sich direkt im Aufnahmemodus der Software für die verschiedenen Bildbereiche ablesen lassen.
  5. Gradationskurve: Ebenfalls in der Steuerungssoftware sollte es eine Gradationskurven-Funktion mit der Möglichkeit geben, einmal erstellte Gradationskurven dauerhaft zu speichern.
  6. Roh-Tiff: Die Ausgabe eines ungeschärften Rohdatensatzes im Tiff-Format muss möglich sein.
  7. Profilierung: Parameter (beispielsweise Profile) für unterschiedliche Ausgabemedien sollten vorhanden beziehungsweise integrierbar sein.
  8. Graustufen: Die Aufnahmesoftware sollte die Möglichkeit einer Graustufendarstellung des Motivs aufweisen.
  9. Hauttöne: Das System muss in der Lage sein, Hauttöne so zu erfassen, dass eine entsprechende Korrektur (siehe oben) ermöglicht beziehungsweise vereinfacht wird.
  10. Detailauflösung: Dies ist nicht nur eine Frage der CCD-Auflösung, sondern auch von Optik und interner Datenaufbereitung.

 

Mobilität

CCD-
Justierbarkeit

Schärfe-
prüfung

RGB-
Kontrolle

Gradations-
kurve

Roh-
Tiff

Profilierung

Grau-
stufen

Hauttöne

Detail-
auflösung

6 Megapixel-Sensor

Jenoptik eyelike

+

Ja

Ja

Ja

Ja

Ja

+

Nein

o1

o

Heidelberg Colorcam

Nein2

Ja

Ja

Ja

Nein

Ja

o3

Nein

+

o

Sinarback 23

++4

Nein5

Nein/Ja6

Nein

Ja

Ja

+

Ja

+

o

Phase One LightPhase

+

Nein7

Ja

Ja

Ja

Ja8

+

Ja

+

o

Rollei Gamma C6

o9

Ja10

Ja11

Ja

Ja

Ja

+

Ja

-

o

Leaf Cantare

o12

Nein13

Ja

Ja

Ja

Ja

+14

Ja

-

+

16,8 Megapixel Sensor

Kodak DCS ProBack

++

Nein13

Ja

Ja

Ja

Ja

+

Ja

+

+

Phase One H20

+

Nein15

Ja

Ja

Ja

Ja16

+

Ja

-

++

++ sehr gut    + gut    o befriedigend    - schlecht    -- sehr schlecht


1: Schwer korrigierbar, ließe sich unter Einsatz der Parametrierbarkeit jedoch verbessern
2: In Planung/in Vorbereitung
3: Nicht in der Kamerasoftware, nur im 8-Bit-Modus von Linocolor Cam verfügbar
4: bezogen auf Cyberkit
5: In Planung/in Vorbereitung
6: Bei Verwendung des Cyberkit möglich; in der Studiokonfiguration nicht vorhanden
7: Keine negativen Auffälligkeiten bei der Justierung
8: Auch der Rohdatensatz wirkt geschärft
9: Umständliche Lösung: Firewire zu SCSI-Controller; dieser an Powerbook
10: Bei Rollei-Kameras gelöst; bei Verwendung mit anderen Mittelformatkameras noch nicht gelöst
11: Umständlich und ungenau
12: Umständliche Lösung, ähnlich wie Rollei
13: Keine negativen Auffälligkeiten bei der Justierung
14: Komplizierte Farbraumbestimmung
15: Keine negativen Auffälligkeiten bei der Justierung
16: Auch der Rohdatensatz wirkt geschärft

Zahlreiche Verbesserungen

Ob Portrait oder Stilllife: Eine interessante Erkenntnis aus dem Test ist, dass die One-shot-Ergebnisse generell so gut ausfallen, dass ein Einsatz auch im Stilllife-Bereich in fast allen Fällen bedenkenlos möglich ist. Der von Leaf als neue Errungenschaft gepriesene Twoshot-Modus ließ in den Resultaten praktisch keine Qualitätsvorteile gegenüber dem normalen Oneshot erkennen.

Blooming, also das Überstrahlen von Pixelbereichen, die direktem Lichteinfall ausgesetzt sind, war früher ein wichtiges Krite- rium bei Kameratests. Heute - auch das hat der Test belegt - ist dies dank Hardware-Innovationen kein Thema mehr. Auch das Problem des Farb-Moiré reduziert sich mit steigenden CCD-Auflösungen und verbesserter Hard- und Software. Allerdings verlagert es sich auch entsprechend der hohen Auflösung auf feinere Strukturen, die früher keine Probleme machten, und bei besonders dafür anfälligen Motiven wie dem Jeansrock des Models stellt es nach wie vor ein Problem dar. Ein weiterer Kritikpunkt des letzten Kameratests vor zwei Jahren hat ebenfalls eine Linderung erfahren: Das Scharfstellen beziehungsweise die Frage, ob sich die CCD-Sensoren wirklich exakt in der Filmebene befinden. Beim letzten Test hatten die Tester festgestellt, dass trotz exakter Scharfeinstellung bei der Aufnahme die Schärfeebene im Bild mitunter an völlig anderen Stellen lag, wobei Abweichungen von einem halben Meter und mehr vorkamen. Beim aktuellen Test-Shooting war nur ein Nachfokussieren zwischen 10 und 20 Zentimetern erforderlich. Dies dürfte - damals wie heute - in den meisten Fällen auf Toleranzen der Kamerabodys beziehungsweise der Objektive zurückzuführen sein.

Um hier eine individuelle Anpassung zu ermöglichen, liefert Hersteller Jenoptik einen Block mit Abreißfolien mit, die zur präzisen Anpassung des Rückteils an den Kamerabody eingesetzt werden. Wer als potenzieller Käufer eines Digitalrückteils sicher gehen will, dass sich die Toleranzen von Digital-back, Kamera und Objektiv nicht zu einer untragbaren Unschärfe addieren, muss das ganz konkrete Objekt der Kaufbegierde (und nicht etwa ein beliebiges Vorführgerät) mit dem ebenso konkreten Kamerabody und den vorhandenen Objektiven ausprobieren, und zwar nicht, wie bei Messen und öffentlichen Vorführungen üblich, bei Blende 16, sondern bei maximal geöffneter Blende.

In Sachen Mobilität hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Tester Manfred Zentsch, der für seine Industriekunden oft „on location„ fotografiert: „Mobilität bedeutet für mich, dass sich ein System auch in der dreckigen Industriehalle bei Lärm, beengten Platzverhältnissen und dem üblichen Aufnahmestress als tauglich erweisen muss.“ Eine echte Bildbearbeitung vor Ort, so Zentsch, sei dabei keineswegs das Kriterium. Gefordert sei statt dessen in der Regel nur die Möglichkeit, die relevanten Parameter wie Schärfe und Belichtung schnell überprüfen zu können und dann - wie in der Urzeit der Menschheit - die „Beute„ zu sichern und in die heimische Höhle der Datenaufbereitung zu transportieren. Einen ernsthaften Ansatz hierfür macht Sinar mit dem Cyberkit und vor allem Kodaks ProBack, das als mit Abstand portabelste Lösung von allen gelten darf.

Zusammenfassend stellten die Tester fest, dass alle Systeme heute eigentlich so qualitativ hochwertig und gleichzeitig so umfassend ausgestattet sind, dass die Unterschiede marginal werden und vieles Geschmacksache bleibt. Eine umso größere Rolle komme daher Aspekten wie der Software, den Lieferanten, deren Service sowie dem Preis zu.

Verworrenes Colormanagement

Deutlich wurde, dass ein System in der Praxis nur so gut sein kann, wie die Person, die es bedient. Druckfertig aufbereitete CMYK-Bilder sollten eigentlich ein Kinderspiel sein, da sich viele Kamerasoftwares mit einem integrierten Colormanagement schmücken. Die Realität sah allerdings ganz anders aus: Statt homogener Proofs auf hohem Niveau saßen die Bewerter am zweiten Testtag vor einer Sammlung von Ausdrucken, die teilweise mit gravierenden Mängeln behaftet waren: Farbstiche, fehlende Graubalance, viel zu hoher Gesamtfarbauftrag, drastische Überschärfungen, übertriebene Sättigung und ähnliches ließen die Fachleute ihren Augen nicht trauen. Daher einigte man sich, statt der Papierbilder die RGB-Daten zu bewerten. Auf einer kalibrierten Quatographic Colorstation wurden die Bilder unter Verwendung der jeweils eingebetteten Profile geöffnet und begutachtet.

Letztendlich stellte sich heraus, dass die Daten tatsächlich in aller Regel in Ordnung waren, beziehungsweise dass die meisten Mängel mit wenigen Mausklicks hätten behoben werden können. Und ein weiteres Problem machte der Test in diesem Zusammenhang deutlich: Die Intransparenz der Colormanagement-Prozesse, denen sich der Benutzer spätestens beim Öffnen oder Speichern eines profilierten Bildes in Adobe Photoshop gegenüber sieht. Obwohl alle Anwesenden als Digitalfoto- und Photoshop-Profis gelten durften, war bei manchen Bildern nur auf experimentellem Wege herauszufinden, was mit den Farben geschieht: ob etwa mehrere Profile (Kamera, RGB, CMYK) automatisch verrechnet werden, ob das im Mac-OS vorgewählte Profil nicht doch gelegentlich ungefragt dazwischen-funkt, welche Profilinformationen bei der Separation oder beim Umwandeln in einen anderen Modus berücksichtigt werden und Ähnliches mehr.

Sicher ist: Die Komplexität der Prozesse überfordert den Normalanwender im Zweifelsfall deutlich, Fehler an den Übergabeschnittstellen der Daten sind vorprogrammiert.

Die Forderung der Anwender an die Industrie ist daher klar: Colormanagement ja, aber in einer Weise, die die Prozesse transparent macht und die vor allem verstanden und bedient werden kann - und bitte keine unterschiedlichen oder gar geheimnisvoll im Betriebssystem-Hintergrund konkurrierenden Colormanagement-Systeme.

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